Frieden! Aber wie?

8. Januar 2026

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Die VVN-BdA ist eine antifaschistische Friedensorganisation – bei dieser Selbstbeschreibung würden wohl alle Kamerad*innen mitgehen. Was das konkret heißt und wie diese damit verbundene Selbstverpflichtung gelebt werden kann, bleibt aber umstritten. Eine Einigung kann nur über inhaltliche Gemeinsamkeiten geschaffen werden.

Egal ob es auf dem Bundeskongress oder bei Landeskonferenzen passiert: Bundesweit streitet die VVN-BdA über die Frage, welche konkreten Schlussfolgerungen sich aus dem Schwur von Buchenwald, unserem historischen Auftrag, ergeben. Insbesondere die Forderung „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“ steht dabei im Mittelpunkt, denn diese beschreibt die VVN-BdA als antifaschistische Friedensorganisation. Darüber wird natürlich nicht gestritten, vielmehr könnten mit Sicherheit alle Kamerad*innen zustimmen – aber was für konkrete Forderungen, Demonstrationsaufrufe und Strategien heißt, ist dagegen höchst umstritten.

Das ist auch erst einmal nachvollziehbar, denn während grundsätzlich alle für Frieden sind, sowohl im Verband als auch im Rest der Bevölkerung, scheinen die Militarist*innen an allen Ecken und Enden zu gewinnen. Und nicht nur das: Im Sinne einer Mimikry gerieren sie sich selbst als Friedensengel und so schreit es nicht „Mobilmachung“ von allen Kontinenten, sondern „Friedenssicherung“ – aber die Panzer rollen trotzdem, Hochrüstung findet statt, die Einführung der Wehrpflicht droht, immer mehr Lebensbereiche werden mit dem Militär konfrontiert, angefangen bei Schulen und Hochschulen.

Darauf muss reagiert werden. Aber wie? Das hängt auch von der Analyse ab. Ein Teil des Verbandes sieht darin eine unmittelbare Kriegsgefahr in und durch die BRD. Die Erhöhung des Wehretats, die Musterung der Jahrgänge und die Berichterstattung über einen möglichen russischen Angriff auf das Baltikum oder Polen gelten einigen Kamerad*innen als Anzeichen dafür, dass sich der Westen für einen Krieg zur Sicherung seiner geschwächten Weltmachtposition rüstet – und Deutschland im Zentrum des Aufmarsches stehen würde, insbesondere dank neu stationierten US-Raketen.

Aus dieser Analyse heraus folgt der Gedanke, dass es sich bei der Friedenspolitik nicht einfach um einen Teil unserer gesamten politischen Arbeit handeln kann, sondern es um Leben und Tod geht, also der Kampf gegen diese Kriegsvorbereitungen die allerhöchste Priorität zu genießen habe. In der Tradition der Massenproteste in Westdeutschland der 1980er-Jahre wird daher auf möglichst breite Bündnisse und eine Konsensbildung ausschließlich rund um die Friedensfrage gesetzt. Auch der Antifaschismus definiert sich in diesem Sinne aus der Haltung zum Frieden heraus: Was sich gegen den Krieg richtet, ist antifaschistisch – und eine bellizistische Haltung ist damit Ausdruck der Rechtsentwicklung und als solche zu bekämpfen.

Der andere Teil des Verbandes bestreitet nicht, dass die Kriegsgefahren real sind. Auch die Kritik an stationierten Erstschlagsraketen, an Wehrpflicht und an der Zunahme von Spannungen wird im Wesentlichen unterstützt. Die Analyse unterscheidet sich in der Frage, wie die Kriegsagenda des Westens bewertet wird und aus welchen Entstehungsbedingungen die aktuellen Kriege zu verstehen sind. Der Teil macht deutlich, dass es eben keinen materialistischen Beleg für eine konkrete Weltkriegsvorbereitung des Westens gibt, stattdessen würden die aktuellen Kriege eher einer zerfallenden kapitalistischen Weltordnung entspringen, in dem reaktionäre Regimes in West (Trump) und Ost (Putin) brutale Kriege zur Erweiterung ihrer Herrschaft führen. Je weiter Gesellschaften nach rechts rücken, desto brutaler werden sie – deshalb genießt der Kampf gegen den Rechtsruck absolute Priorität.

Beiden ist gemein, dass Faschismus und Militarisierung im Zusammenhang gedacht werden, aber da steckt dann auch der Unterschied: Während der erstgenannte Teil des Verbandes Faschismus über Militarismus kritisiert, macht es der letztgenannte genau umgekehrt. Was auf einer abstrakten Ebene im Rahmen einer im Idealfall geteilten Analyse zu Verwerfungen führt, wird in der Praxis dann zu einem Streitpunkt. Während ein Teil mit fast jedem Akteur für den Frieden demonstrieren würde, um das Erwartete aufzuhalten, sehen die anderen in jeder fehlenden Abgrenzung gegenüber rechten Kräften gerade das Einfallstor für die Normalisierung des Faschismus, welches unbedingt zu schließen ist. Zwei rote Linien überschneiden sich hier empfindlich.

Und reaktionäre Kräfte, seien es verschwörungsideologische Antisemit*innen, knallharte bürgerliche Militärs, die Faschist*innen von der AfD oder sozialchauvinistische Neoliberale können sich über diesen Streit freuen. Die einen können sich umso ungenierter als pro-putinistische Friedensbewegung gerieren, die anderen umso ungestörter aufrüsten oder sogar noch mehr fordern. Und nicht nur das: Wenn es dann einmal gelingt, eine Friedensdemonstration ohne starke Abgrenzung mitzugestalten, dann kann man als Möglichkeit verbuchen, in die Gesellschaft hineinzuwirken. Der Streit ist ein absolutes Gewinnersituation für die Profiteur*innen des Rechtsrucks.

In Halle (Saale) sehen wir, wie etwa die reaktionäre „Bewegung Halle“ einerseits beständig versucht, Teil größerer Bündnisse zu werden. Die „Bewegung“ selbst hat sich aus Protest gegen die Corona-Maßnahmen gegründet, hat dann gegen die Russland-Sanktionen, gegen antifaschistische Brandmauern, für mehr Esoterik und vieles mehr demonstriert. Das Publikum ist nicht eindeutig rechts, aber duldet mehrheitlich die Präsenz von Neonazis, die in der Vergangenheit mehrfach aus dem Umfeld des Neonazis Sven Liebich heraus am Protestgeschehen teilnahmen und antifaschistische Kritik als Feindseligkeit begriffen. Das Gesamtbild ist von Deutschlandfahnen bestimmt. Vertreter*innen der Bewegung versuchen, regelmäßig Verbindungen in die Stadtpolitik zu finden. Und wichtige Akteur*innen habe es mit der Gruppe „Dialog für Frieden und Demokratie“ geschafft, Teil des halleschen „Friedensbündnisses“ zu werden, welches die Abgrenzung in diese Richtung abgelehnt hat, obwohl dort auch linke Akteur*innen vertreten sind. Auf der Basis versucht der „Dialog“ auch andere Gruppierungen einzuspannen, seien es Kirchen, Parteien oder Bürgerinitiativen. Andererseits schafft es die „Bewegung Halle“ trotz ihrer indirekten Teilnahme an entsprechenden Bündnis-Veranstaltungen dennoch, sich als unterdrückt zu inszenieren und letztlich das politische Vorfeld für die faschistische AfD zu organisieren.

Im Verband haben wir einen Konsens darüber, dass Gruppen wie die „Bewegung Halle“ keine Partner*innen für eine Zusammenarbeit sein können. Aber das „Friedensbündnis“ wäre ein klassischer Fall des oben erwähnten Streits: Alle gemeinsam für den Frieden oder Abgrenzung nach rechts? Ich glaube, dass es nur mit einer klaren Abgrenzung funktionieren kann. Denn unabhängig von der Analyse und auch der Bewertung der Lage in Russland/Ukraine oder Israel/Palästina – wo man reaktionären Kräften die Möglichkeit gibt, sich auszubreiten, werden sie es tun. Und dabei zeigt die „Bewegung Halle“ bzw. der „Dialog für Frieden und Demokratie“ doch perfekt, dass es ihnen niemals um Frieden geht. Schließlich gründete man sich eigentlich gegen die Corona-Maßnahmen, die bei aller Kontroverse sicher nicht als Kriegsvorbereitung verstanden werden können. Das Thema ist genauso austauschbar wie der jeweilige Krieg, dem sie sich gerade widmen. Es geht um die kleinbürgerliche Vorstellung, die restriktiven Elemente des eigenen Nationalstaates soweit auszuleben, dass sich sein Versprechen erfülle. Oder anders gesagt: Geralf und Claudia haben gehört, dass Deutschland ja von den Deutschen regiert würde, also wollen sie jetzt auch entscheiden. Der Protest gegen alles Mögliche soll die Legitimation dafür bilden. Vor ein paar Jahren war das eine überschaubare Gefahr, aber jetzt sind esoterisch angehauchte reaktionäre Kleinbürger*innen eben Türöffner*innen für die durch die AfD realistisch gewordene Gefahr der faschistischen Machtübernahme.

In diesem Sinne bringt es nicht nur nichts mit solchen Akteur*innen zusammenzuarbeiten, es ist auch noch eine Gefahr, denn ist der Geist erst einmal aus der Flasche, wird man ihn sicher nicht mit Dialog zurückzwingen können. Unser Verband in Sachsen-Anhalt hat sich deshalb bis jetzt immer dazu entschieden, nicht mit dem Friedensbündnis zusammenzuarbeiten, sondern eine eigene Vernetzung mit progressiven Gruppen voranzutreiben. Trotzdem besteht das Thema bundesweit natürlich nach wie vor und es wird auch hier unterschiedliche Positionen geben. Darum hilft uns das hallesche Beispiel zu verstehen, was der Teil, der die Abgrenzung nach rechts zum Kernanliegen hat, meint, wenn gefordert wird, dass die Tür nach rechts zubleiben solle. Und es macht deutlich, dass diese Abgrenzung vom Verband unbedingt weitergeführt werden muss. Aber nicht nur das: Es zeigt auch, dass sich alle Teile des Verbandes massiv von den reaktionären Kräften unterscheiden, die unsere Gegner*innen sind. Denn anders als Geralf und Claudia hat der Verbandsteil, der den Frieden zur Priorität macht, ein echtes Interesse daran und nutzt nicht bestehende Kriege als Deckmantel für die eigene Unfähigkeit, das kapitalistische Weltsystem annähernd zu verstehen.

In der VVN-BdA haben wir viel mehr miteinander gemeinsam als mit denjenigen, über die faktisch gestritten wird. Und das ist auch der Weg zu mehr Einigkeit: Wie am Anfang ausgeführt, haben wir seit Gründung des Verbandes im Jahr 1947 einen großen Konsens gegen jede Form von deutscher Aufrüstung. Und gerade jetzt haben wir die Gelegenheit, zusammen mit progressiven Verbündeten zu mobilisieren, um selbstständig breite Bündnisse aufzubauen. Wir sind auf die Zusammenarbeit mit Akteur*innen, die einen konsequenten Antifaschismus ablehnen, also nicht angewiesen und sollten alles dafür tun, die Unterwanderung entsprechender Proteste zu unterbinden. Beide Teile des Verbandes wollen die massenhafte Mobilisierung gegen Raketenstationierung und Wehrpflicht. Das schaffen wir dann, wenn wir den großen Konsens nach vorne stellen und die Halbtags-Pazifist*innen, die eigentlich eh nur wegen Corona gekommen und wegen des Rechtsrucks geblieben sind, an den Rand stellen. Jetzt haben wir die Chance, Friedenspolitik und Antifaschismus so zu leben, dass alle Seiten sich darin wiederfinden und sogar Menschen erreicht werden, die vorher nicht erreicht wurden – und gerade beide Teile des Schwurs von Buchenwald zusammendenken wollen.

Lukas Wanke
Landesvorstandsmitglied