Rede zum 81. Jahrestag der Befreiung
9. Mai 2026
Liebe Antifaschist*innen,
in seinem Buch „ Der lautlose Aufstand“ fragt Günther Weißenborn, Überlebender der Schulze-Boysen-Harnack Organisation, „Was ist Heldentum?“
Es ist der deutsche Widerstandskampf von 1933 bis 1945, es ist sein Beitrag im Rahmen der internationalen antifaschistischen Widerstandsbewegung, ihr Ringen von Anfang an um die Zerschlagung des deutschen Faschismus, um Verhinderung und später Beendigung des Krieges, um den Weltfrieden zu retten.
Es gab in Deutschland damals Tausende illegale antifaschistische Gruppen. Es gab aber Millionen Täter, Mittäter, Mitläufer, Denunzianten, Spitzel.
Die Elite der deutschen organisierten Arbeiterbewegung wurde als erste, als drohende Gefahr, für den Machterhalt der Faschisten, in KZ und Zuchthäuser geworfen, gefoltert, erschlagen, ermordet. Dann folgten jüdische Menschen, Sinti und Roma…
Es war nicht leicht , die Lücken von solchen Politikern, wie den Reichstagsabgeordneten Max Lademann, Paul Suhr, KPD, Franz Peters, SPD, zu schließen. Die illegale Arbeit aber ging weiter, hörte nicht auf. Trotzalledem!
Die Gestapo sprach von „ Nicht aufhörender Wühlarbeit der KPD“. Immer wieder leuchteten Losungen an den Wänden: „Nieder mit HITLER!“ „KPD lebt! „ Flugblätter lagen in Garderoben, auf Bänken, in Bahnen.
1935/36 kam es zu einer Gestapooffensive, kam es mit Hilfe von Spitzeln zu deutschlandweiten Massenprozessen. In Zeitz, einer Hochburg des Widerstandes, fielen dem 400 Widerstandskämpfer*innen zum Opfer.
Mit Kriegsbeginn, 1939, verstärkten sich die Aktivitäten der illegalen Gruppen. Ziel: den Krieg beenden, Sturz Hitlers, die Errichtung eines demokratischen Deutschland.
Die in meist kleinen Gruppen Kämpfenden hatten keine Unterstützung aus der deutschen Bevölkerung, waren von Denunzianten umgeben, standen mit Idealismus, mit Edelmut gegen Bestialität. Günther Weißenborn sagte: „Sie standen an der Schafottfront.“
An dieser Front befanden sich auch die 15 großen, bedeutenden Widerstandsorganisationen Deutschlands, die in strenger Konspiration miteinander lose vernetzt waren.
Unsere Region hatte über den ehemaligen Abgeordneten des preußischen Landtages, Otto Schlag, Verbindungen zur Saefkow-Jacob- Gruppe in Berlin, zur Georg- Schumann-Gruppe, Leipzig. Die Berliner wiederum zur Dr. Neubauer-Poser Gruppe, Thüringen. Diese Gruppen hatten Stützpunkte in Betrieben, hier vor allem in Leuna, Buna, Lützkendorf, Mansfeld…Otto Schlag, als ehemaliger angesehener Gewerkschafter , konnte das fördern.
Der entschlossene, illegale, Kampf der großen Gruppen vor allem war, im Rahmen ihrer konspirativ geführten Netzwerke, auf das Ziel gerichtet, den Faschismus zu stürzen und ein demokratisches Deutschland zu errichten. Die Saefkow-Jacob -Gruppe nahm dazu, vermittelt durch Prof. Reichwein, SPD, Mitglied des humanistischen Kreisauer Kreises, vorher als Dozent an der Pädagogischen Akademie in Halle (Saale) tätig, Verbindung zu dieser Gruppe auf, deren Verbindung wiederum bis zu Graf Stauffenberg reichte. Es war langfristig vorgesehen, den militärischen mit dem zivilen Widerstand zu vereinen.
Dazu kam es nicht. Der gescheiterte Umsturzversuch des 20. Juli 44 zerschlug alle großen Widerstandsorganisationen, zerschlug die Hoffnung auf Selbstbefreiung.
Tausende Widerstandskämpfe*innen wurden ermordet. Otto Schlag starb an den Folgen der schweren Misshandlungen im KZ.
Den Staffelstab übernahmen in unserer Region , unter Leitung von Robert Büchner, ehemals KZ-Häftling, KPD, Eisleben, solche Widerstandskämpfer*innen, wie ,u.a., Georg König, ehemals Buchenwaldhäftling, Reinhold Zöllner .Sie gründeten die Antifaschistische Arbeitsgruppe Mitteldeutschland (AAM), die vor allem in Betrieben des Mansfeldischen, Lützkendorf, Halle, illegal tätig war.
Mit Flugblättern und Aufrufen, besonders vom März 1945: „An das Volk von Mitteldeutschland“, sollte die Bevölkerung in letzter Stunde wachgerüttelt werden, Bürgerausschüsse bilden.
Das kühne Ziel , ausgearbeitet für Halle und Eisleben war die Selbstbefreiung und damit die Rettung der Städte und Menschen.
Es kam nicht so. Die Menschen, die meisten, glaubten noch an die Wunderwaffe, hatten Angst, viele von ihnen waren bis zuletzt, in Fanatismus, zum Dienst an der Waffe, zur Denunziation bereit.
Die Rettung Halles war dann das Werk von einzelnen Mutigen. In Eisleben allerdings hatte Robert Büchner mit anderen das Rathaus im Handstreich, bevor die Amerikaner kamen, besetzt und wurde dann erster OB.
Die Bilanz 1945: Die Alliierten hatten Europa vom deutschen Faschismus befreit. Und, Deutschland war die Schande der Welt.
Aber: der Kampf der deutschen Widerstandskämpfer in der Illegalität, in den Lagerkomitees der KZ, als Partisanen , als Emigranten, als Kämpfer in den alliierten Armeen, hat der Welt gezeigt, es gibt noch ein anderes Deutschland.
„Die Jugend kann stolz sein auf diese Helden,“ schrieb Heinrich Mann.
Die neofaschistische Partei, AFD, dagegen will in der Erinnerungskultur eine180° – Wende. Für die Jugend dabei: weg von Schuldkult, hin zum Stolz auf die tapfere Wehrmacht und edle Waffen-SS, deren Verbrechen als Tapferkeit fürs Vaterland umgeschrieben werden.
Hier zeigt sich die ganze völkisch-nationalistische Fratze der sich bürgerlich gebenden , in blau gewickelten, braunen Partei.
Das lassen wir nicht zu!
Elie Wiesel, Friedensnobelpreisträger, als jüdisches Kind in Buchenwald gemartert, rief der deutschen Jugend zu : „Ihr seid nicht schuld, aber ihr habt die historische Verantwortung.“
Unsere jungen Mitglieder der VVN-BdA , des Bündnisses gegen Rechts und andere, haben diesen Staffelstab der deutschen Widerstandskämpfer*innen übernommen.
Auch im Sinne des im KZ Oranienburg ermordeten deutsch-jüdischen Dichters, Erich Mühsam:
„War ein Kampf des Lebens wert,
spart dem Tod die Spende-
aber nehmt des Toten Schwert!
Führt den Kampf zu Ende!“
