Gedanken über den 85. Jahrestag des Beginns des Großen Vaterländischen Krieg

11. Juni 2026


Sowjetisches Ehrenmahl im Berliner-Tiergarten Foto: Kolja Quensel

Vor 85 Jahren griff Deutschland die Sowjetunion an. Wir sollten den Menschen danken, die Europa befreit haben, egal aus welcher Richtung sie kamen. Weil sie uns die Befreiung im Jahre 1945 brachten. Von der Hitler-Tyrannei, für die sich die meisten selbst entschieden hatten, die dann auch unermessliches Leid über unser Land brachte.

Im NS-Staat hieß der Deutsch-Sowjetische Krieg Russland- oder Ostfeldzug und hatte den Decknamen Operation „Barbarossa“. Dieser Große Vaterländische Krieg (russisch: Welikaja Otetschestwennaja woina) war Teil des Zweiten Weltkrieges. Der Begriff ist an die Bezeichnung für Napoleons gescheiterten Russlandfeldzug von 1812 angelehnt. Gemeint ist ein Verteidigungskrieg auf eigenem Boden, auch wenn dieser in eine Gegenoffensive außerhalb der Staatsgrenzen übergeht.

Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion begann am 22. Juni 1941 und endete mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht in Berlin-Karlshorst am 8./9. Mai 1945. Es führte letztendlich zu einem welthistorischen Sieg, über den grausamsten Feind der Menschheit, über den deutschen Faschismus und den mit ihm verbündeten japanischen Militarismus. Die Ostfront war bis Juni 1944 (Invasion in der Normandie) die alleinige Hauptlandfront der Alliierten im Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland und seine Verbündeten. Er war ein Krieg zur Eroberung von „Lebensraum“ für die „arische Herrenrasse“ und zur Vernichtung des „jüdischen Bolschewismus“ und gehörte zu den grundlegenden, bereits in seiner Programmschrift Mein Kampf formulierten Zielen Adolf Hitlers.

Auf der gesamten 3 500 km langen Front zwischen Ostsee und Karpaten und mit Luftschlägen bis in eine Tiefe von 250 bis 300 Kilometern begann der Überfall Hitlerdeutschlands auf die UdSSR am 22. Juni 1941 um 3:30 Uhr. Die Rote Armee musste jedoch im Laufe von Monaten der Übermacht des Gegners mit großen Verlusten nachgeben. Etwa 2,3 Millionen Rotarmisten gerieten in deutsche Gefangenschaft, und über zwei Millionen ließen die Deutschen bis Frühjahr 1942 verhungern, an Krankheiten oder Misshandlungen sterben.

Die deutsch-faschistischen Aggressoren hatten Verbündete und Unterstützer. Das waren die faschistischen bzw. semifaschistischen Staaten Finnland, Italien, Rumänien, die Slowakei, Spanien und Ungarn. Dazu gehörten auch die Mordbrenner aus den vormaligen Baltenrepubliken Estland, Lettland und Litauen, aber auch aus der Ukraine sowie Kontingente sogenannter Freiwilliger vor allem aus Belgien, Frankreich, den Niederlanden und Norwegen. Und nicht zu vergessen: Verräter an der Heimat, die so bezeichnete Russische Befreiungsarmee (ROA). In Litauen, Lettland und Estland sowie der Ukraine verwechselten viele in der Bevölkerung die Invasion mit Befreiung. Bewaffnet Gruppen attackierten Kommunisten sowie die Rote Armee auf dem Rückzug und massakrierten jüdische Nachbarn, etwa im litauischen Kaunas mit Tausenden von Toden. Ukrainische Milizen fungierten als Hilfsgruppe bei Massenmorden. In Lemberg fielen 5 000 Menschen zwei Pogromen zum Opfer. Die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) unter Führung von Stepan Bandera hatte einen Aufstand gegen die Sowjets geplant und stellt zwei Bataillone auf, die sich an der deutschen Invasion beteiligten. Diese einheimischen Faschisten waren den Deutschen als Kollaborateure willkommen, blieben gleichwohl Untermenschen, denen keine Selbstständigkeit zugestanden wurde. Dass Polen, Russen oder Ukrainer minderwertig seien, war in Deutschland schon im 19. Jahrhundert eine verbreitete Einstellung, die Eroberung von Lebensraum im Osten bereits im Ersten Weltkrieg ein Kriegsziel. So verlangte der Industrielle August von Thyssen im September 1941 die Ostseeprovinzen des russischen Zarenreiches zu annektierten, dazu die Ukraine und den Kaukasus wegen des Erzes. Nur so sei eine „Weltmachtstellung“ zu erreichen.

Dennoch diensten Tausende den Deutschen als Hilfspolizisten, bewachten Ghettos und Zwangsarbeitslager, waren an Deportationen und Massenerschießungen beteiligt. Zum Kriegsende existierten eine ukrainische, zwei lettische und eine estnische SS-Division, deren Angehörige in ihren Ländern heute als Widerstandskämpfer gegen die Sowjetunion geehrt werden.

Die verheerende Belagerung von Leningrad, seit 1991 wieder Sankt Petersburg, durch die deutsche Heeresgruppe Nord und spanische Truppen der Blauen Division. Und zudem im Norden riegelten finnische Truppen die Stadt ab, was von September 1941 bis Januar 1944 insgesamt 872 Tage fortbestand, war ein einkalkulierter massenhaftes Streben durch aushungern der Bevölkerung. Es wird geschätzt, dass während dieser ungefähr 28 Monate dauernden Blockade mehr als eine Million Menschen gestorben sind, wobei die meisten (90 %) von ihnen an Hunger, durch Kälte, Krankheiten und Bombenangriffen. Die Bevölkerung einer Millionenstadt systematisch verhungern zu lassen, gilt als eklatantestes Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg.

Die Wende im Großen Vaterländischen Krieg begann mit der Schlacht vor Moskau Ende 1941. Sie wurde vor allem bei Stalingrad im Winter 1942/43 erreicht und in der Schlacht bei Kursk im Juli 1943 unumkehrbar. So wurden im Juni 1944 die Bedingungen für die Westalliierten geschaffen, um schließlich in den Krieg einzutreten und die Befreiung Europas zusammen mit der UdSSR und den tapferen Widerstandsbewegungen in den von den Faschisten besetzten Ländern abzuschließen.

Die Ursachen für die schweren und verlustreichen Niederlagen der Roten Armee, besonders in den ersten anderthalb Jahren, lagen nur teilweise in der Vertrauensseligkeit Moskaus, nach dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag vom 23. August 1939, den Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September 1939 und die Komplizenschaft bei der Aufteilung Polens. Sowie in den unzureichenden und schwerwiegenden Defiziten von Staat, Streitkräften und Gesellschaft in der Abwehr und Zerschlagung der erwarteten faschistischen Aggression des Todfeindes der UdSSR und des Sozialismus. Auch die Briten hatten sogar unter Angabe des Angriffstermins gewarnt. Die Hauptursachen sind in den späten 1930er Jahren im „Großen Terror“ zu finden. Er führte dazu, dass Hunderttausende ehrlicher und unbescholtener Sowjet- und treu ergebener ausländischer Mitbürger*innen im Land völlig grundlos ermordet oder in das Lagersystem des Gulags gefangengenommen wurden. Darüber hinaus hat diese Verfolgungswelle eine ganze Generation von hoch qualifizierten und bewährten Militärs liquidiert. Erst am 3. Juni hielt Stalin eine Radioansprache und rief das Land zum „Großen Vaterländischen Krieg“ auf.

Das alles ist ein Scheitern von tragischster Dimension. Als die sowjetische Führung sich am Ende des Kalten Krieges darauf verließ, dass sich die NATO keinen Zoll nach Osten ausdehnen würde, sollte sich dies in gewisser Weise wiederholen.

Trotzdem sollte der 22. Juni 2026 auch als Gelegenheit dienen, denen, die die Hauptlast des Krieges und für unsere Befreiung getragen haben, unseren tiefsten Respekt zu erweisen. Auch in unserem Land, dem Land der damaligen Aggressoren, müssen wir dagegenhalten, dass die Verfälscher der geschichtlichen Wahrheit, die scheinbar immer mehr Oberwasser bekommen, sich Raum und Stimme verschaffen können. Es sind jene, die in ihrer Russophobie und ihrer Kriegstreiberei heute offenbar jegliches Maß verloren haben. Ohne diese Befreiungstat hätten sie wahrscheinlich auch heute noch unter der mörderischen Knute der Nazifaschisten zu leben.

Es ist völlig angemessen, dass wir Deutschen, in der untilgbaren Schuld für die Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden stehend, eine besondere Schutzverantwortung für die jüdischen Menschen in aller Welt übernehmen. Dieselbe Verantwortung muss aber endlich auch für jene Völker gelten, die in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion leben, einem Land mit fast 27 Millionen Kriegstoten, die den höchsten Blutzoll im Zweiten Weltkrieg zahlen musste.

Mit dem aktuellen geschichts- und gesellschaftlichen wie parteipolitischen Blick, auf unser Land können wir dann stolz sein, wenn wir das Andenken an unsere Befreier von 1945 für immer in Ehren halten. Wenn es uns gelingt, das Erbe wirksam und allesbestimmend zu machen:

Des Anführers der Bauern aus Stolberg im Harz, des Philosophen vom ewigen Frieden aus Königsberg, des Militärreformers aus Bordenau bei Hannover und seiner Getreuen, des Heron der Musik aus Bonn, der Dichterfürsten von Weimar, der Geistesgrößen aus Trier und Wuppertal-Barmen, der wahren Sozialdemokraten aus Gießen und Köln-Deutz, der Revolutionärin aus Zamość und ihres mutigen Mitstreiters aus Leipzig, der Vorkämpferin für die Gleichberechtigung der Frauen aus dem sächsischen Wiederau, des Arbeiterführers und unbeugsamen Antifaschisten aus Hamburg und des Arbeiterpräsidenten aus Guben.

Der Schwur der Überlebenden des Buchenwald-Konzentrationslagers ist heute aktueller als je zuvor.

Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“

Klaus-Peter Schuckies
Vorstandsmitglied

P.S. Meine persönliche Meinung und Gedanken in der Zurhilfenahme von Teilen einer veröffentlichten Quelle von Doz. Dr. sc. phli. Lothar Schörter sowie ein medialer Presseartikel von Peter Bierl.