Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer,
meine Legitimation, dass ich heute in unserer Veranstaltung anlässlich der Bildungswochen gegen Rassismus, statt Sevin Begovic, der als Angehöriger der nationalen Minderheit Sinti und Roma dafür prädestiniert ist, einige Gedanken zur Einführung in das Thema des Films machen werde, besteht darin, dass Gründungsmitglieder unseres Verbandes, der VVN, auch Angehörige der Sinti und Roma waren und sind und wir mit dem Zentralrat deutscher Sinti und Roma eng zusammenarbeiten.
Der zu zeigende Film „Unrecht und Widerstand“ soll gegen den noch bestehenden und wieder gesellschaftsfähig werdenden Antiziganismus sensibilisieren.
Unser LV, als Gründungsmitglied von Halle gegen Rechts – Bündnis für Zivilcourage, beteiligte sich vor einigen Jahren aktiv an mehreren Demonstrationen in der Silberhöhe gegen rassistische Vorfälle gegen Sinti und Roma, vor allem auch gegen Frauen und Kinder gerichtet. Zwischenmenschliche Problemfälle wurden einige Jahre später in der Schlosserstr. zu generalisierten antiziganistischen Attacken aufgebläht. In den Printmedien stellten wir uns als LV dem entschieden entgegen.
Stereotype Vorurteile, Klischees, seit Jahrhunderten im kollektiven Gedächtnis eingelagert, wurden dort sichtbar und sind auch heute nicht verschwunden.
In einem damaligen Werbeplakat titelte die NPD: „Statt Geld für Sinti und Roma, Geld für die Oma.“
Von Menschenverachtung, Herabwürdigung, das ganze Spektrum gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wird hier deutlich. Heute übernimmt das die AFD. Verachtung, Diskriminierung erfuhren die Sinti und Roma, die seit dem 14.JH. in Deutschland beheimatet sind, von Anfang an. Sie wurden verfolgt, festgesetzt, drangsaliert. Am äußersten Rand, in Armut und Elend lebend, aber in Großfamilien zusammengefasst, die ihnen Geborgenheit und Schutz boten. Einige von ihnen, ab 19./ 20.Jh., erarbeiteten sich relativen Wohlstand, so wie in Osendorf, J. Weinlich, Pferdehändler und Fuhrwerksbesitzer. Sein von ihm gebautes Mausoleum, lange schon marode, ist in die guten Schlagzeilen geraten: viele Akteure der Stadt Halle, die Stadt selbst, die Gedenkstätte Roter Ochse, das Elisabeth-Gymnasium, der Runde Tisch mit der AWO u.a. haben geschafft, dass dieses einzigartige materielle Kulturgut saniert wird.
Diese Anfänge von Wohlstand wurden in der Zeit des dt. Faschismus in grausamer Weise zerstört .
Es begann mit den Nürnberger Rassegesetzen von 1935, in der die Sinti und Roma wie die Juden als artfremd bezeichnet wurden. 1938/39 folgte ein Runderlass zum Verbot des Reisens. Die Folge: sie wurden von ihrer Handelstätigkeit abgeschnitten.
Ab 1940 erfolgten die ersten Deportationen. 1943 blies man zur Lösung der sogen. Z-Frage.
In Halle erinnern am Neumarkt und vor der ehemaligen Frauenklinik Stolpersteine an unsere Sinti und Roma Mitbürger*innen.
70% der deutschen Sinti und Roma wurden von den deutschen Faschisten ermordet.
Unser, vor einigen Jahren verstorbenes Mitglied, Hugo Höllenreiner, beschreibt in seiner Autobiographie den grausamen KZ-Alltag in Auschwitz: wie er es mit ansehen musste, dass Kleinkinder vor den Augen der Mütter erschlagen wurden, auf flüchtende Kinder Handgranaten geworfen wurden und deren Arme und Beine durch die Luft flogen, wie sie Leichen in Gruben werfen mussten:
„Das war dann immer da, immer, das ging nicht weg…“
Die Überlebenden kamen nach der Befreiung 1945 wieder nach Hause. Wo sollten sie hin? Sie hatten keinen Nationalstaat. Sie waren Deutsche, aber von der Dominanzgesellschaft, die meisten Postnazis, weiterhin verachtet.
Wenn sie Geld auf der Bank gehabt hatten, hatten sie keines mehr. Ihr Name war gelöscht, das Konto
auch. Es stand ihnen niemand bei. Sie waren kalt enteignet. Andere hatten sich bereichert.
Der Völkermord an den Sinti und Roma wurde geleugnet. Es gab keinen Wiedergutmachung. Von alten Seilschaften in den Behörden und Amtsärzten wurden sie darum betrogen.
Flächendeckend gab es ungebrochene personelle Kontinuitäten in Verwaltung, Polizei, Justiz und Schulen. Ehemalige SS-Beamte aus dem Reichssicherheitshauptamt führten die Erfassung von Sinti und Roma im bayrischen LKA als „Landfahrerzentrale“ fort.
1953 legte die bayrische „Landfahrerverordnung“ fest, dass für die, „die in Horden umherziehen,“ ein Landfahrerbuch mit Fingerabdrücken mitzuführen ist. Dazu wurden Akten aus der NS-Zeit weiter benutzt, mit kleiner Schönheitsoperation: Hakenkreuzentfernung und Rausnehmen der Rassegutachten.
1956 urteilte der BGH: dass die Sinti und Roma von den dt. Faschisten nicht rassisch verfolgt wurden, sondern es eine reine kriminalistische Präventivmaßnahme war.
Dazu erläuterte das hohe Gericht, dem ehemalige NS-Richter vorstanden: Sie haben die Neigung zur Kriminalität, zum Diebstahl. Keinerlei sittliche Antriebe, aber einen großen Okkupationstrieb.
Erst 2016 entschuldigte sich die Präsidentin des BGH beim Volk der Sinti und Roma für diese skandalösen Zuschreibungen. Die Schreibtischtäter waren da nicht mehr am Leben.
Eine neue Generation der Sinti und Roma wuchs heran. Sie waren nach dem Krieg geboren. Sie wollten so entrechtet nicht mehr leben. Sie zweifelten daran, dass die BRD ein demokratischer Rechtsstaat war.
1980 führten sie einen 1-wöchigen Hungerstreik im ehemaligen KZ Dachau durch. Ihre Forderungen: Anerkennung des Völkermords an den Sinti und Roma und Beendigung der Sondererfassungen.
Sie besetzten LKA und forderten die Herausgabe der NS-Akten, um Beweise für die Wiedergutmachungen ans Licht zu ziehen.
1982 wurde der neugegründete ZR dt. Sinti und Roma vom damaligen Bundeskanzler Helmuth Schmidt empfangen: der Völkermord an den Sinti und Roma wurde nun endlich anerkannt.
In den 90ern/ 2000er Jahren gab es von EU-Seite Richtlinie zur Anerkennung der größten europäischen Minderheit, der Sinti und Roma, als nationale Minderheit sowie zu ihrer Förderung und Durchsetzung der Menschenrechte.
So wurde 1995 in der BRD das Volk der Sinti und Roma als nationale Minderheit anerkannt.
Teile der Sondererfassung der Sinti und Roma blieben bis 2005: bei Vernehmungen durch die Polizei musste eine Rubrik Sinti und Roma angekreuzt werden. Das war vor 20 Jahren. Da waren wir als ehemalige DDR schon seit 15 Jahren BRD. Bei aller Kritik an der DDR: Sondererfassungen gegen Sinti und Roma gab es nicht. Die Hälfte der Überlebenden, die hier wohnten, erhielten die OdF-Rente, mussten aber eine Arbeit vorweisen, da es in der DDR sowohl das Recht als auch die Pflicht zur Arbeit gab.
Die heutige Bürgerrechtsbewegung richtet sich vor allem auf die umfassende Teilhabe an Bildung, an Bildungsgerechtigkeit, Chancengleichheit am gesellschaftlichen Leben.
Immer noch werden zu viele Kinder aus Sinti und Roma-Familien in Förder-Sonderschulen abgeschoben. Immer noch ist der tiefste Grund in den schweren Traumata des entsetzlichen Erlebens der Jahre in den Vernichtungslagern und danach in der zweiten entwürdigenden Entrechtung zu suchen. Viele Elterngenerationen haben durch die NS-Jahre und danach Bildungsdefizite, die sich verfestigten. Kinder wachsen dadurch ohne nenneswerte Anregungen und Hilfe zur Bildung auf.
Hier, so fordern junge Wissenschaftler, Politiker und Fuktionäre aus der Sinti und Roma-Community, muss der Staat seiner Verantwortung, laut EU-Richtlinie zur zielgerichteten Förderung von Minderheiten gerecht werden. In einigen Bundesländern gibt es schon Schulmediatoren, die Kinder begleiten und sie zielgerichtet fördern. Schule darf nicht Angstraum für Kinder sein. Ihre Persönlichkeit muss ganzheitlich gefördert und gestärkt werden.
Das, so der Zentralrat, muss auch bei den Roma aus den Balkanstaaten greifen.
Seien wir solidarisch. Unterstützen wir diese humanen Forderungen. Fordern wir auch das Bleiberecht für die Roma aus sogenannten sicheren Staaten, wo sie in Elend leben.
Unterstützen wir auch den Kampf für das unbeschadete, ideelle Denkmal für die Sinti und Roma in Berlin, unter dem, nach Willen der Deutschen Bahn eine S-Bahn-Linie fahren soll.
Ausgerechnet die Deutsche Bahn, die mit der Deportation von Juden und Sinti und Roma Blutgeld verdient hat.
Setzen wir alles daran, dass wir den Antiziganismus in unserer Gesellschaft besiegen.
Wir tragen die historische Verantwortung dafür.